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Ein paar Gedanken zum Rassismus gegen vermeintliche Muslime… Eine Zusammenfassung unserer Motivation, in Hamburg einen Kongress gegen den Antimuslimischen Rassismus (AMR) zu organisieren.

AMR und die Europäische Rechte „Alle westlichen Länder sind von Muslimen infiltriert – einige von ihnen sprechen nett mit uns, während sie darauf warten, genug zu sein, um uns tot zu schlagen.“ – Søren Krarup von der Dänische Volkspartei. So wie die Dänische Volkspartei haben sich immer mehr rechte Parteien, die zum Teil auch in europäischen Parlamenten sitzen, dem Kampf gegen die „schleichende Islamisierung“ verschrieben. So fand zum Beispiel im September 2009 ein von der Partei Pro Köln initiierter antimuslimischer Kongress statt, bei dem Parteien wie die Freiheitliche Partei Österreich, Lega Nord (Italien), Partie de la France, Vlaams Belang (Belgien), Partei für die Freiheit (Niederlande) und Arbeit Umwelt Familie (Deutschland) vertreten waren. Auch das in Belgien (April 2010) und Frankreich (April 2011) beschlossene Burkaverbot, sowie das in der Schweiz (November 2009) beschlossene Minarettverbot zeigen auf, dass in Politik und Medien der Islam immer wieder als Feindbild herhalten muss.

AMR und die deutsche Mitte Sowohl die Aussage von Innenminister Friedrich (CSU) „der Islam gehört nicht zu Deutschland“, als auch die regelmäßige Verschärfung der Sicherheitsgesetze, aufgrund der angeblichen Gefahr durch islamistischen Terrorismus, machen deutlich, dass auch bürgerliche Parteien sich islamfeindlicher Bilder bedienen. In diesem Zusammenhang ist ebenfalls die rassistische Äußerung von Sarrazin (SPD) zu sehen, er müsse „niemanden anerkennen der vom Staat lebt, diesen Staat ablehnt, für die Ausbildung seiner Kinder nicht vernünftig sorgt und ständig neue kleine Kopftuchmädchen produziert. Das gilt für 70 % der türkischen und 90 % der arabischen Bevölkerung in Berlin.“

Die lange Tradition des Antimuslimischen Rassismus Vorurteile gegen den Islam haben eine lange Tradition. Schon zu Zeiten der Kreuzzüge im 12. und 13. Jahrhundert wurde der Islam dämonisiert. Moscheen galten als Teufelshäuser und Muslime wurden als Satansdiener und Teufelsverehrer bezeichnet. Auf Grund der Expansion des Osmanischen Reichs nach Westen im 16. Jahrhundert prägte sich dann das Feindbild, der „Türk“ wäre äußerst grausam, blutrünstig, tyrannisch und pfähle mit Vorliebe kleine Kinder. Als Ursprung für das Wesen des „Türken“ galt die grausame Religion des Islam, welche, im Gegensatz zum Christentum, keine Lehre der Nächstenliebe, sondern eine Lehre der Unterdrückung, der Gewalt und der sklavischen Unterwerfung wäre. Mit dem Niedergang des Osmanischen Reiches im 19. Jahrhundert, veränderte sich das Bild des „Türken“ jedoch zu dem eines „Sultans“, eines genusssüchtigen, sexistischen und unkriegerischen Pantoffelhelden. Diese Gestalt verschärfte sich in der Kolonialzeit durch die Gegenüberstellung vom „Kulturmenschen“ des Okzidents und vom „Naturmenschen“ des Orients, den es zu zivilisieren galt.

Feindbildkonstruktion Die aktuell vorherrschende Form des Antimuslimischen Rassismus richtet sich gegen Menschen, die nach Merkmalen wie Kopftuch, schwarzen Haaren, Sprache oder Namen, als Muslime definiert und wahrgenommen werden, auch wenn sie sich dieser Gruppe nicht zugehörig fühlen. Mitglieder dieser konstruierten Gemeinschaft werden homogenisiert und auf zugeschriebene kulturelle bzw. religiöse Eigenschaften reduziert. Deutlich wird dies daran, dass Menschen aus muslimisch geprägten Ländern wie Malaysia, Indonesien oder Somalia dieser Gruppe häufig nicht zugerechnet werden, sondern eher Menschen aus der Türkei, dem Iran oder dem arabischen Raum.

„Krieg gegen den Terror“ Nach den Anschlägen am 11.09.2001 in den USA standen alle vermeintlichen Muslime unter Generalverdacht Terroristen zu sein. Im Alltag äußerte sich dies in Form von rassistischen Übergriffen, auf politischer Ebene in der Verschärfung von Sicherheitsgesetzen und erfuhr seinen Höhepunkt zunächst im Afghanistankrieg. Als Legitimation für den Eintritt Deutschlands in diesen Krieg wurden die „Befreiung“ der Gesellschaft und der Frauen, sowie die „Demokratisierung“ dieser vorgeschoben.

Seitdem verankerte sich der Konsens in der Mehrheitsgesellschaft der vermeintliche Muslim sei frauenfeindlich, homophob, antisemitisch und gewaltbereit. Dabei wird geleugnet, dass dies ebenfalls Merkmale der Mehrheitsgesellschaft sind. Auch die Medien spielen hierbei keine unerhebliche Rolle.

Die Rolle der Medien Muslime werden in den Medien vorwiegend mit negativen Themen wie Terroranschläge, Fundamentalismus und Frauenunterdrückung in Verbindung gebracht. Durch die Darstellung des Islam als kriegerisch-terroristische Religion wird eine Bedrohung durch diesen und damit durch die Menschen aus islamischen Ländern heraufbeschworen. Titelbilder des Spiegel, Stern, Focus und anderer Zeitschriften in den letzten Jahren verdeutlichen dies. Überschriften wie „Weltmacht Islam“, „Mekka Deutschland – die stille Islamisierung“, „Allah im Abendland“ oder „Wie gefährlich ist der Islam“ tragen zur Entstehung und Verfestigung von islamfeindlichen Stereotypen in der Gesellschaft bei.

Kopftuchzwang und Ehrenmorde!? Gewalt gegen Frauen ist kein spezifisches Problem des Islam, sondern ein gesamtgesellschaftliches. In der BRD gab es im Jahr 2009 7000 Vergewaltigungen und sexuelle Nötigungen, die Dunkelziffer liegt um ein Vielfaches höher. Nach wie vor ist die eigene Wohnung der gefährlichste Ort für Frauen und über 50 % der Morde an Frauen werden von Ehemännern oder früheren Partnern ausgeübt. Auch die so genannten „Ehrenmorde“ gibt es nicht nur in islamischen Ländern, sondern auch in Brasilien, Indien und Italien. Sie sind Ausdruck eines vorherrschenden patriarchalen Frauenbildes, das in allen Gesellschaften bekämpft werden muss. Die Diskussion um Gewalt gegen muslimische Frauen wird instrumentalisiert, um von Problemen häuslicher Gewalt in der eigenen Gesellschaft abzulenken. Hierbei soll der Eindruck erweckt werden, dass vor allem diese von Gewalt durch Familienangehörige betroffen sind, während in „deutschen“ PartnerInnenbeziehungen viel weniger Gewalt existiere.
Für Alice Schwarzer ist das Tragen des Kopftuches mit dem Tragen des Judensterns gleichzusetzen. Die Debatte um das Kopftuchverbot ist durchzogen von Pauschalisierungen. Entweder trage die Frau das Kopftuch, weil sie dazu gezwungen oder sie selbst islamistische Fundamentalistin sei. Dabei wird unterschlagen, dass das Tragen des Kopftuchs heute sehr unterschiedliche Motivationen hat. Viele Frauen tragen es als Abgrenzung gegenüber einer Gesellschaft, die sie als rassistisch empfinden. Sie tragen es nicht nur als Zeichen ihrer religiösen Identität, sondern zum Teil auch als Mittel, um Selbstbewusstsein zu demonstrieren.

Integrationstest: deutsche Kultur und so…
Seit dem 1. September 2008 gibt es in Deutschland einen Einbürgerungstest, verbunden mit einem Sprachtest. Dieser ist ein staatliches Instrument, der die Einbürgerung erschweren soll. So haben im Jahr 2008 haben die wenigsten Einbürgerungen seit 1989 stattgefunden. In Baden-Württemberg gibt es zusätzlich einen Gesprächsleitfaden, den so genannten „Muslim-Test“. Er gilt für alle BewerberInnen aus den 57 Staaten der Islamischen Konferenz und Muslime aus anderen Staaten, ebenso für jene, bei denen Zweifel an der Verfassungstreue besteht. Der Fragenkatalog umfasst alle antimuslimischen Stereotype aus den letzten Jahrhunderten. Exemplarisch seien hier zwei Fragen aufgeführt: „Wie stehen Sie zu der Aussagen, dass die Frau ihrem Ehemann gehorchen soll und dass dieser sie schlagen darf, wenn sie nicht gehorchen will“ oder „Sie erfahren, dass Leute aus ihrer Nachbarschaft oder aus ihrem Freundes- oder Bekanntenkreis einen terroristischen Anschlag begangen haben oder planen. Wie verhalten Sie sich? Was tun Sie?“ Ganz egal, ob der oder die Bewerber_in wirklich dem muslimischen Glauben angehört, steht er_sie unter Generalverdacht antidemokratisch und verfassungsfeindlich zu sein. Der Gesprächsleitfaden ist ein rassistisches Instrument, das Menschen aufgrund ihrer Herkunft oder Religion diskriminiert.

Und in der Linken is‘ alles dufte!? Antimuslimische Stereotype werden auch innerhalb der Linken aus der Mehrheitsgesellschaft übernommen und in Verbindung mit eigenen Diskursen gesetzt. So gilt auch in Teilen der Linken das Kopftuch- und Burkaverbot als gerechtfertigtes Mittel, die unterdrückte Frau zu „befreien“. Auch in der Frage der patriarchalen Gewalt orientiert sich die Linke häufig an rassistischen Stereotypen der Mehrheitsgesellschaft.
Teile der Antideutschen haben sich schließlich zu fanatischen Islamhassern entwickelt. Sie setzen den Islam gleich mit dem Faschismus, der ebenso wie dieser bekämpft werden müsse. Die Thematik des antimuslimischen Rassismus wird schlicht geleugnet, als gebe es ihn einfach nicht. So war in der Jungle World vom 11. August 2011 zu lesen: „Wer hier wie auch sonst von Islamophobie spricht, hat nicht anderes im Sinn, als Antisemitismus zu verschleiern. Es gibt keine Islamophobie. Es gibt Antisemiten, die entweder links oder rechts sind.“

Islam und Antisemitismus Der Antisemitismus im Islam erfuhr einen bedeutenden Anstieg seit dem Herbst 2000 (2. Intifada). Die Kritik an der Politik Israels wurde von islamistischen Gruppierungen missbraucht, um Antisemitismus in vermeintlich legitimer Form zu äußern. Bei antisemitischen Angriffen in verschiedenen Ländern Europas waren die Täter häufig Jugendliche, die sich stark mit einer antisemitischen Form des Islam identifizieren. Es wird hierbei eine ursächliche Verbindung zwischen Islam und Antisemitismus hergestellt, ohne die soziale Komponente, die zur Entstehung solcher Weltbilder führt, mit in Betracht zu ziehen.
Antisemitismus ist aber nicht nur ein Problem islamistischer Gruppierungen. Den Blick nur auf den Antisemitismus der anderen zu richten, hat – ebenso wie bei der Diskussion um die Unterdrückung der Frau – eine Stellvertreterfunktion. Dies soll ablenken vom Antisemitismus in der eigenen Gesellschaft. Laut einer im Januar 2012 veröffentlichten Studie haben gut 20% der Deutschen noch Antisemitische Denkmuster. Der Blick auf den Antisemitismus der Anderen führt zur Nichtauseinandersetzung mit dem eigenen und verleugnet die Tatsache, dass die Ursprünge des Antisemitismus als europäisches Phänomen von den Kolonialmächten in die arabische Welt getragen wurden.

Ready for Action!
Die angesprochenen Punkte zeigen, dass eine weitere Auseinandersetzung mit dem Thema Antimuslimischer Rassismus notwendig ist. Aus diesem Grund haben sich Menschen in Hamburg zusammengefunden, um einen „Kongress gegen den Antimuslimischen Rassismus“ vorzubereiten.

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Darum geht’s doch gar nicht!

Der Begriff „Antimuslimischer Rassismus“ beschreibt rassistische Verhaltensweisen und Einstellungen gegenüber Menschen, die aufgrund ihres Aussehens, ihres Namens oder ihrer vermeintlichen Herkunft für Muslime gehalten werden. Mit der Kategorie „Muslim_A“ sind, wie mit allen rassistischen Kategorien, bestimmte Stereotype verknüpft, die zur Abwertung der kategorisierten Person führen.

Unser Kongress richtet sich gegen diese Form des Rassismus, und versucht mehr Klarheit im Umgang mit gesellschaftlichen und eigenen Stereotypen und Rassismen zu schaffen.

Bei unserem Kongress geht es definitiv nicht um eine Auseinandersetzung mit dem Islam als Religion, also nicht um eine Analyse von antiemanzipatorischen, homophoben oder antisemitischen Einstellungen bestimmter muslimischer Einzelpersonen, Gruppen oder Strömungen.

Es geht uns um eine Kritik an der kollektiven Unterstellung solcher
Einstellungen gegenüber vermeintlichen Muslimen, die in wachsendem Maße
diese Gesellschaft und auch unsere Szene prägt.

Kritik am Islam als Religion ist sicherlich angebracht und wichtig –
ebenso wie an allen anderen Religionen, die als Herrschaftsmittel
genutzt werden – aber für unseren Kongress gilt: Darum geht’s doch gar
nicht, sondern um Rassismus!